Über das neue Altersvorsorgedepot – kurz AVD – wird derzeit viel gesprochen: mehr Kapitalmarkt, mehr ETFs, höhere Renditechancen und eine modernere staatliche Förderung. Das klingt zunächst überzeugend. Doch wie so oft lohnt sich ein genauerer Blick. Denn das AVD bringt nicht nur neue Chancen, sondern auch neue Risiken und viele Fragen, die vor einer Entscheidung geklärt werden sollten.
Hier sind 9 Dinge zum Altersvorsorgedepot, über die nicht ausreichend gesprochen wird und die unserer Meinung nach viel unter den Teppich gekehrt werden.
→ Weitere wichtige Hinweise weiter unten im Blog.
1 – Das Altersvorsorgedepot ist nicht einfach der „bessere Riester“
Derzeit entsteht teilweise der Eindruck: Riester war überholt, das Altersvorsorgedepot wird besser. So pauschal lässt sich das nicht sagen.
Das neue System soll stärker kapitalmarktorientiert sein und insbesondere die Nutzung von ETFs und Investmentfonds ermöglichen. Gleichzeitig werden klassische Garantien gegenüber vielen bisherigen Riester-Lösungen reduziert beziehungsweise fallen teilweise weg.
Das bedeutet: höhere Renditechancen, aber auch stärkere Schwankungen und ein höheres Anlagerisiko. Gerade bei einem Börsenrückgang kurz vor dem Rentenbeginn kann dies erhebliche Auswirkungen haben.
2 – Höhere Renditechancen gibt es nicht ohne höheres Risiko
Der Verzicht auf umfassende Garantien gehört zu den wesentlichen Veränderungen.
Bei langen Anlagezeiträumen kann eine höhere Aktienquote sinnvoll sein, denn Garantien verursachen in der Regel Renditeeinbußen. Wer 20, 30 oder 40 Jahre spart, kann von einer stärkeren Kapitalmarktorientierung profitieren.
Gleichzeitig muss mit zwischenzeitlichen Verlusten gerechnet werden. Das AVD ist daher kein Tagesgeldkonto und auch kein klassischer Garantiesparvertrag.
3 – Ein bestehender Riester-Vertrag muss nicht automatisch gekündigt werden
Wer bereits einen Riester-Vertrag besitzt, muss diesen nicht zwangsläufig kündigen und einen vollständig neuen Vertrag abschließen. Bestehende Verträge können grundsätzlich ab 2027 auf die neue Förderlogik umgestellt werden, sofern die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind und der Anbieter dies ermöglicht.
Wichtig: Ein paralleler Bezug der alten und neuen Förderung ist nicht vorgesehen. Wer in das neue Förderrecht wechselt, unterliegt anschließend den dort geltenden Regeln. Eine solche Entscheidung sollte deshalb sorgfältig geprüft werden.
4 – Nicht jeder alte Riester-Vertrag sollte automatisch umgestellt werden
Gerade ältere Riester-Verträge können Eigenschaften besitzen, die heute kaum noch angeboten werden, etwa:
- attraktive garantierte Rentenfaktoren
- hohe Rechnungszinsen
- wertvolle Garantien
- niedrige laufende Kosten
- bereits weitgehend amortisierte Abschlusskosten
- besondere Verrentungsbedingungen
Eine vorschnelle Änderung oder Übertragung kann dazu führen, dass solche Vorteile verloren gehen.
Deshalb gilt: Nicht jeder bestehende Riester-Vertrag ist automatisch schlecht – und das neue Altersvorsorgedepot ist nicht für jeden Sparer automatisch die bessere Lösung.
5 – Ein Wechsel kann komplizierter sein als erwartet
Auf dem Papier klingt der Wechsel einfach: bestehender Vertrag, neues Fördersystem, fertig.
In der Praxis können jedoch zahlreiche Punkte zu berücksichtigen sein. Unter anderem müssen Vertragsguthaben, Zulagen, steuerliche Informationen, Vertragsdaten und Förderhistorien korrekt übernommen und dokumentiert werden.
Zudem ist derzeit noch nicht jede praktische Frage abschließend geklärt. Auch die technischen Prozesse zwischen Anbietern und Behörden müssen sich erst etablieren.
Für Sie bedeutet das: Warten Sie ab und treffen Sie keine voreiligen Entscheidungen, solange die notwendige Infrastruktur vielleicht noch nicht einmal aufgebaut ist.
6 – Das AVD macht Beratung nicht überflüssig, sondern nochmal wichtiger
Mehr Freiheit bedeutet gleichzeitig mehr Verantwortung. Künftig müssen Sparer unter anderem entscheiden:
- Welche Aktienquote passt zur persönlichen Situation?
- Welche Fonds oder ETFs sollen eingesetzt werden?
- Wie viel Risiko ist vertretbar?
- Wie sollte die Strategie vor dem Rentenbeginn angepasst werden?
- Was passiert bei einem Börsencrash kurz vor der Auszahlung?
- Ist ein Wechsel aus einem bestehenden Vertrag überhaupt sinnvoll?
Soll heißen: Das neue System eröffnet mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Gerade deshalb sollte die Entscheidung nicht allein aufgrund von Schlagworten wie „ETF“ oder „höhere Rendite“ getroffen werden. Auch das sind Dinge, über die nicht ausreichend gesprochen wird, die aber essentiell für eine umfassende Beurteilung und informierte Entscheidung sind.
7 – „ETF-Depot“ bedeutet nicht automatisch „kostengünstig“
Das AVD soll moderner und kosteneffizienter werden. Entscheidend ist jedoch die konkrete Ausgestaltung des jeweiligen Produkts.
Auch bei einem Depot können unter anderem Depot-, Fonds-, ETF-, Transaktions-, Verwaltungs- oder Beratungskosten entstehen. Deshalb sollte nicht nur auf die Produktbezeichnung, sondern auf die tatsächliche Kostenstruktur geschaut werden.
Außerdem ist Vorsicht geboten: Achtung bei den aktuell auffälligen „Lockangeboten“. Stellen Sie sich stets die Frage: Warum macht der Anbieter das? Wird der Anbieter in 20, 30, 40 oder 50 Jahren noch am Markt sein? Oder lebt er derzeit von immer neuen „Geldpritzen“?
8 – Viele wichtige Fragen sind noch offen
In der öffentlichen Diskussion stehen vor allem Förderung, ETFs und Renditechancen im Mittelpunkt. Ebenso wichtig sind jedoch Fragen zur späteren Auszahlung, zu Anbieterwechseln, zur Vererbung, zum Pfändungsschutz, zur Insolvenz eines Anbieters, zu möglichen Auswirkungen auf Sozialleistungen und zu den konkreten Anlagegrenzen.
Geduld ist das A und O: Einige dieser Punkte sind derzeit noch nicht abschließend geklärt. Sie können jedoch entscheidend dafür sein, wie attraktiv und flexibel das System später tatsächlich sein wird. All diese Dinge, über die nicht ausreichend gesprochen wird, müssen sich noch herauskristallisieren.
9 – Die entscheidende Frage lautet nicht „Riester oder AVD?“
Pauschale Aussagen helfen hier wenig. Weder ist es sinnvoll, jeden bestehenden Riester-Vertrag unverändert fortzuführen, noch sollte jeder Vertrag automatisch zugunsten des neuen Altersvorsorgedepots aufgegeben werden.
Entscheidend ist vielmehr die individuelle Ausgangssituation:
- Welche Garantien und Konditionen bietet der bestehende Vertrag?
- Welche Kosten entstehen noch?
- Welche Rendite ist realistisch?
- Wie lange läuft der Vertrag noch?
- Welche Vorteile könnten bei einer Umstellung verloren gehen?
- Welche Chancen bietet das neue System?
- Wie viel Risiko und Schwankung kann und möchte der Sparer tragen?
Was für eine Beurteilung wichtig ist: Erst wenn diese Punkte miteinander verglichen wurden, lässt sich fundiert beurteilen, ob eine Umstellung sinnvoll sein kann.
Unser Fazit
Das Altersvorsorgedepot eröffnet neue Möglichkeiten und kann für viele Sparer interessante Chancen bieten. Es ist jedoch kein automatischer Ersatz für jeden bestehenden Riester-Vertrag. Gerade bei langfristiger Altersvorsorge sollten Chancen, Risiken, Kosten, Garantien und die individuelle Lebenssituation sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.
Diese Entscheidung sollte nicht aufgrund einer Schlagzeile getroffen werden. Sie sollte auf Basis des bestehenden Vertrags, der Kosten, der Garantien, der Restlaufzeit und der persönlichen Anlagestrategie getroffen werden.
Denn möglicherweise ist das Beste an der neuen Altersvorsorge gar nicht, dass künftig alle das Gleiche machen können, sondern dass künftig wesentlich individueller entschieden werden kann.
Wenn Sie also die Chancen der neuen Altersvorsorge für sich nutzen wollen und besser verstehen möchten, was genau es zu beachten gibt, vereinbaren Sie gern eine kostenlose Erstberatung bei uns!


